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Der Roman Zero (Random House, 2014) des Österreichers Marc Elsberg mag sich teilweise wie eine Dystopie (also eine negative Utopie) lesen, doch alle hier beschriebenen Technologien werden bereits eingesetzt. Dank Big Data-Schnorchelei und ausgefeilter Computerprogramme sind Unternehmen (und in ihrem Windschatten Staaten) seit Jahren in der Lage, unser zukünftiges Verhalten in vielen Bereichen mit immer höherer Genauigkeit vorauszusagen. Dadurch können sie uns entsprechende Angebote machen – oder diese unterlassen.

Mittlerweile stehen auf diesem Gebiet auch immer mehr Anwendungen für den persönlichen Gebrauch zur Verfügung. Von Navigationssystemen (»Auf dieser Route wirst du den Stau vermeiden!«) über Fitness-Apps (»Deine empfohlenes Laufpensum für die kommende Woche …«) bis zu virtuellen Coaches (»Stellen Sie sich bitte folgende Situation vor …«) versprechen sich immer mehr Menschen ein komfortableres, gesünderes, sichereres, besseres Leben. Nur die Ratgeberprogramme sind noch nicht so weit entwickelt – noch nicht. Datenbrillen aus dem Hause Google sind in einigen Staaten bereits erhältlich, anderswo ist ihr Einsatz bis weit ins liberale Lager hinein umstritten.

Der spannende Roman entfaltet ein anschauliches Szenario, warum Kommunikationsverhalten und allgegenwärtige Datensammelhardware (dafür steht die Datenbrille) keine Privatsache sind. Denn in den patentgeschützten und oft sogar geheimen Algorithmen der Konzerne und Staaten fließen die individuellen Daten zusammen und ermöglichen nicht nur die Monetarisierung der Privatsphäre, sondern gesamtgesellschaftliche Kontrolle, Manipulation, Herrschaft. Auch die Konsequenz, die der Autor auf der letzten Seite vorschlägt, weist in dir richtige Richtung: Nur die Vergesellschaftung der Big-Data-Auswertungs-Algorithmen kann uns vor dem totalen, ITK-basierten Überwachungswesen schützen. Die Algorithmen sind so wichtigt wie Gesetze, daher müssen ihre Zwecke und Inhalte öffentlich debattiert, kontrolliert und weiterentwickelt werden und dürfen nicht als Betriebsgeheimnis in Händen Shareholder-Value-orientierter Konzerne bzw. als Staatsgeheimnis in den Händen paranoider Bürokraten bleiben. Dann, und nur dann, werden Initiativen wie “Stop The Cyborgs” obsolet und sollten möglichst viele von uns Datenbrillen tragen, um damit die Daten für die vernünftige, weil menschengemäße, gesamtgesellschaftliche Planung zusammenzutragen.

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