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Der soziale Druck nimmt zu: Immer wieder droht mir Ausschluss aus dem sozialen Zusammenhang, wenn ich nicht bereit bin, mir ein Smartphone anzuschaffen, den einen oder anderen Messenger zu installieren und darüber ständig erreichbar zu sein. Mir geht es hier heute aber nicht um die Problematik der dauerhaften Erreichbarkeit, die mittlerweile nicht nur von Arbeitgebern mehr oder weniger subtil erwartet wird, sondern von allen. Auch geht es mir diesmal nicht um die Wanzenhaftigkeit der Geräteklasse Smartphone. Stasi war ein Witz dagegen.

Ich will mit einer tabellenartigen Gegenüberstellung von Messengern (PDF) die Debatten rationalisieren, die immer dann aufkommen, wenn die Kommunikation in einer Gruppe neu gestiftet werden soll und die gemeinsame Plattform noch verhandelbar ist, z.B. wenn das Kind in den Kindergarten kommt oder in die Schule und sich die Eltern eine Möglichkeit für Verabredungen schaffen wollen. Also für sich neu etablierende, abgeschlossene, kleinere bis mittelgroße Gruppen. Das Fazit vorneweg: Nur die beiden Messenger Wire und Riot erfüllen alle Kriterien für eine halbwegs vernünftige und barrierefreie Kommunikation.

Früher gab es keine langen Debatten, Email-Adressen wurden auf einen Zettel notiert, irgendwer tippte die ab und schickte die rum. Wenn wer dabei war mit den Möglichkeiten dazu, dann richtete der oder die eine Mailingliste ein, dann wurde auch nie wer vergessen im CC. Adressen waren änderbar und sogar austragbar. Mit schleuder gibt es sogar eine Möglichkeit für den Betrieb voll verschlüsselter Mailinglisten. Die Mailingliste ist auch heute noch eine angemessene Kommunikationsplattform für abgeschlossene kleinere bis mittelgroße Gruppen.

Ganz früher gab es eine Telefonliste bzw. eine Adressliste. Aber gut. Wir wollen uns dem technischen Fortschritt ja nicht sperren. Wir wollen aber auch nicht, dass er uns übermannt und wir nur noch hörensagenbasiert hinter den jeweiligen letzten Moden herhecheln und gar nicht begründen können, warum dies oder das, außer mit: “Da sind eben alle anderen auch”, dem sogenannten Plattform- bzw. Netzwerkeffekt. Gerade kleinere, neu zustande kommende Gruppen müssen ja gar nicht darauf achten, wo “alle” sind, sondern sich lediglich auf eine gemeinsame Plattform einigen. Schwer genug.

Fazit:

Wenns unbedingt sein muss, dann erfüllten die beiden weniger bekannten Messenger Wire und Riot alle Kriterien für eine halbwegs vernünftige und barrierefreie Kommunikation. Über Berichte aus der Praxis mit diesen beiden Messengern in der Kommentarfunktion würde ich mich sehr freuen!

WhatsApp hingegen geht gar nicht. Der Code liegt nicht als prüfbarer Quellcode vor, es werden automatisch alle Kontakte, also das ganze private Netzwerk an den Serverbetreiber übermittelt. Und es ist für Linux-Nutzer_innen nicht verfügbar.

Auch der gerade bei sich aufgeklärt wähnenden Nutzer_innen verbreitete Telegram-Messenger geht gar nicht: Nur der Client liegt quelloffen vor, was auf dem Server passiert, ist geheim. Eine Zwangsübertragung aller Kontakte an den Server findet ebenfalls statt. Der Betrieb eines eigenen Servers ist nicht möglich.

Signal, ein weiterer Messenger, der vielen als vorbildlich gilt, erfüllt zwar keines der harten Ausschlusskriterien, ist aber nicht barrierefrei: Die Anmeldung beim Netzwerk setzt, wie übrigens auch bei Telegram und WhatsApp, eine SMS-taugliche Telefonnummer und ein Gerät zum SMS-Empfang voraus.

Anmerkungen zur Methodik:

Email habe ich als Referenz in die Tabelle mit aufgenommen, schneidet gar nicht so schlecht ab. Ebenso habe ich als Referenz WhatsApp aufgenommen, obwohl es schon meine Vorausswahlkriterien nicht erfüllt – eben wegen seiner Verbreitung. Meine Vorauswahlkriterien bei der Erstellung der Liste waren erstens Freie Software und zweitens Verfügbarkeit.

Erstens sollte der Code für Client und Server als Freie Software vorliegen, um wissen zu können, was die Software überhaupt tut, – als vertrauensbildende Maßnahme zwischen Softwareentwickler_innen und -Benutzer_innen sozusagen: Freie und Open Source Software ist überprüfbar und damit kaum heimlich manipulierbar. Sie kann weiterentwickelt und verschiedensten Bedürfnissen angepasst werden. Sie ist zusätzlich kostenlos und damit potenziell zugänglich für alle. Mehr dazu in einem ausführlicheren Artikel zu den Grundsätzen vernünftiger Computer- und Internetnutzung und Digitaler Selbstverteidigung.

Zweitens – Stichworte “Verfügbarkeit” bzw. “Barrierefreiheit” – sollten die meistverbreiteten Geräteklassen (Smartphones, Desktop- und Laptop-Computer) und Betriebssystem-Anbieter (Microsoft, Apple: OSX und iOS, Android, Linux) unterstützt sein, d.h. der Besitz eines Smartphones sollte nicht zwingend notwendig sein, um mit-kommunizieren zu können. Retroshare, eine serverlose Plattform, die noch wesentlich mehr zu bieten hat als nur Messaging, schied leider aus, weil es keine Version für Apples iPhone gibt.

Damit blieben von den Aberdutzenden von Messengern (vgl. die beiden Listen bei Wikipedia: Messenger und Messenger-Protokolle) gar nicht mehr so viele übrig. Wer weitere Erläuterungen zu den verschiedenen Zeilen/Kriterien sucht, findet sie bei Wikipedia.

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