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Dieser Text basiert auf einem ursprünglich auf Englisch veröffentlichten Beitrag im Climate MattersBlog der Universität Hamburg und wurde für die vorliegende Fassung überarbeitet.

Spätestens mit dem Beginn der zweiten Amtszeit Donald Trumps scheint der Richtungsstreit zwischen den fossilen und den erneuerbaren Kapitalfraktionen im Westen auf politischer Ebene vorläufig entschieden. Damit einhergehend ist auch das Projekt eines ‚grünen Kapitalismus‘ politisch gescheitert. Dass dieses Projekt sich jedoch auch auf einer theoretischen Ebene – vor allem aus epistemologischer Perspektive – von Beginn an auf einem Holzweg befand, zeigt Cédric Durand in seinem Artikel „The Problem of Knowledge in the Anthropocene“ (2026)1. Darüber hinaus entwickelt er einen ersten Vorschlag dafür, wie eine neue wirtschaftliche und gesellschaftliche Ordnung aussehen könnte, die in der Lage wäre, dem sich zunehmend verschärfenden anthropogenen Klimawandel wirksamer entgegenzuwirken. Dieser Blogbeitrag beleuchtet die zentralen Erkenntnisse aus Durands Artikel und ordnet die daraus resultierenden Implikationen ein.

Was ist das Ziel der Studie?

In seiner Studie untersucht der französische Ökonom Cédric Durand die wissenstheoretischen Grundlagen, die historischen und gegenwärtigen Debatten über die Machbarkeit und Grenzen wirtschaftlicher Planung zugrunde liegen, insbesondere im Kontext ökologischer Herausforderungen. Durands Arbeit knüpft damit an langjährige Debatten an, wie etwa die sozialistische Kalkulationsdebatte, die erstmals in den 1920er Jahren aufkam. Sein Ausgangspunkt ist eine Infragestellung des vermeintlichen Sieges der Österreichischen Schule – vertreten unter anderem durch Friedrich August von Hayek und seine intellektuellen Nachfolger.

Dabei geht seine Kritik über das gängige Argument hinaus, dass neue digitale Technologien und Netzwerke groß angelegte Wirtschaftsplanung ermöglichen. Stattdessen geht Durand über diese Debatte hinaus, indem er einen epistemologischen Ansatz verfolgt und danach fragt, wie Wissen produziert, verstanden und genutzt wird. Ausgehend von dieser Kritik skizziert er einen möglichen Weg, der über die gegenwärtigen Verhältnisse hinausweist.

Grüne Finanzen – Grüner Kapitalismus?

Anhand einer beispielhaften Fallstudie aus dem Bereich ‚Green Finance‘ veranschaulicht Durand die Grenzen der hayekschen Erkenntnistheorie. Das Konzept von ‚Green Finance‘ beruht auf der Idee, alle relevanten (ökologischen) Informationen in Finanzprodukte zu integrieren, um diese angemessen zu bepreisen und so die Markteffizienz zu steigern.

Ein Beispiel für ‚Green Finance‘ ist die Verwendung von ESG-Scores (Environmental, Social, and Governance), die als Indikatoren für ethische und nachhaltige Investitionen dienen sollen. Anhand dieser legt Durand überzeugend dar, dass das Projekt eines ‚grünen Kapitalismus‘ selbst dann scheitern würde, wenn Unternehmen sämtliche Informationen über die Umweltauswirkungen ihrer Geschäftstätigkeit vollständig offenlegten und wenn ESG-Scores tatsächlich die realen Umweltauswirkungen widerspiegelten – anstatt lediglich das wahrgenommene Image der Nachhaltigkeit abzubilden. Der Grund für dieses Scheitern ist die Eigendynamik der Finanzmärkte.

Ein Beispiel hierfür ist das sogenannte ‚Greenium‘ (ein Kofferwort aus ‚Green‘ und ‚Premium‘): Investoren sind oft u. a. aus marketingtechnischen Gründen bestrebt, in Unternehmen mit einem hohen wahrgenommenen ökologischen Nutzen zu investieren. Zudem sind sie bereit, als Aufpreis für den wahrgenommenen ökologischen Nutzen einer Investition in ein ‚grünes’ Unternehmen Kapital zu günstigeren Finanzierungskosten als üblich bereitzustellen. Infolgedessen fallen die Renditen dieser Investitionen tendenziell geringer aus. Demzufolge akkumulieren Investoren, die ihr Kapital in ‚grüne‘ Unternehmen lenken, dieses langsamer als Investoren, die in ‚nicht-grüne‘ Firmen investieren. Darüber hinaus sind jene Investitionen, die für den ökologischen Umbau der Wirtschaft erforderlich sind, im Vergleich zu konventionellen Anlageformen oft nur unzureichend rentabel – selbst ohne den Effekt des ‚Greenium‘.

Diese Überlegungen lassen daher Zweifel an einer Wirtschaftsauffassung aufkommen, die den Markt als effizienten Informationsverarbeiter begreift, der in der Lage sei, die klimatischen Auswirkungen von Investitionen zu berücksichtigen. Eine solche Sichtweise ignoriert sowohl die Grenzen des Marktes als Wissenssystem im Hinblick auf die Erfassung ökologischer Zerstörung als auch die negativen klimatischen Folgen des Imperativs der Kapitalakkumulation.

Die Wissensgrenzen des Marktes

Aus hayekscher Sicht besteht das grundlegende Wissensproblem darin, dass die für das Funktionieren einer Wirtschaft erforderlichen Informationen in der Gesellschaft verstreut sind und von lokalen Gegebenheiten abhängen. Oft liegen diese Informationen in Form von implizitem Wissen (tacit knowledge) vor, da sie durch praktische Erfahrung erworben wurden, was ihre Artikulation oder Übertragung auf andere Akteure erschwert. Eine Zentralisierung dieses Wissens wäre daher unmöglich, da keine einzelne Instanz Informationen erfassen oder verarbeiten kann, die sich ständig ändern und von Natur aus subjektiv sind.

Durand übt eine gleichwohl scharfsinnige als auch ironische Kritik an Hayek, indem er dessen eigenes Argument gegen ihn wendet: Unter Berufung auf den politischen Philosophen und Ökonomen John O’Neil legt Durand dar, dass wissenschaftliches und Expertenwissen – das für Märkte unerlässlich ist – per se implizites Wissen darstellt, welches durch umfassende Ausbildung erworben wird. Wer also Hayeks Prämisse akzeptiert, spricht nicht nur dem Kollektiv oder einer zentralen Planungsinstanz die Fähigkeit ab, über solches Wissen zu verfügen und es zur Steuerung der Wirtschaft zu nutzen, sondern verwehrt diese Fähigkeit auch den einzelnen Marktakteuren selbst. Die bloße Verteilung dieses Wissens unter ihnen ist somit einerseits nur begrenzt möglich und bedeutet andererseits noch lange nicht, dass sie es vollumfänglich erfassen oder wirksam nutzen können.

Die hayeksche Sichtweise ist folglich denselben Einwänden ausgesetzt, die Hayek selbst gegen die Konzentration allen Wissens bei einer zentralen Planungsinstanz vorgebracht hatte: Die Marktakteure können das Wissen nicht vollständig verteilen und durchdringen, wodurch die Wissensverteilung durch den Markt – als vermeintlich effizienter Wissensverarbeiter – hinfällig wird. Dies erweist sich als besonders widersprüchlich, wenn man bedenkt, dass die Österreichische Schule die Eigenverantwortung für die (ökologischen) Folgen wirtschaftlichen Handelns betont.

Um das Wissensproblem zu lösen, genügt es jedoch nicht, die Vorstellung des Marktes als effizienten Informationsverarbeiter lediglich zu reformieren – etwa durch die Anerkennung ökologischer Externalitäten, die Märkte nicht erfassen können (eine Einschränkung, die Hayek überraschenderweise akzeptierte). Vielmehr müssen die Ansätze einer hayekschen Erkenntnistheorie ein für alle Mal verworfen werden.

Epistemologie der Planwirtschaft

Ein solcher Paradigmenwechsel führt Durand zur Epistemologie der Planwirtschaft. Unter Rückgriff auf die Ideen des Ökonomen Charles Bettelheim, des Philosophen Kohei Saito und des Wirtschaftshistorikers Karl Polanyi plädiert er dafür, die inkommensurable Vielfalt der eine Wirtschaft konstituierenden Elemente – wie Arbeit, Produktionsmittel und ökologische Wechselwirkungen – anzuerkennen. Zugleich betont er die daraus folgende Einsicht, dass sich die Natur nicht auf unser Wissen oder Verständnis von ihr reduzieren lässt.

Für eine Planwirtschaft bedeutet dies, dass ein externer, quantifizierbarer Überblick über diese wirtschaftlichen Elemente – gewonnen durch Statistiken, bürokratische Verfahren oder wissenschaftliche Methoden – dabei helfen kann, individuelle menschliche Bedürfnisse annäherungsweise zu erfassen und Güter entsprechend zuzuteilen. Zudem lassen sich die Umweltauswirkungen wirtschaftlichen Handelns abschätzen und die Wirtschaftstätigkeit auf dieser Grundlage jenseits des Imperativs der Kapitalakkumulation planen. Gleichwohl räumt Durand ein, dass ein solcher quantifizierbarer Überblick die Elemente einer Wirtschaft niemals in ihrer ganzen Fülle erfassen kann.

Im Gegensatz zur hayekschen Perspektive betrachtet Durand Wissen daher als etwas, das sich nicht hinreichend auf ein quantitatives, eindimensionales Preissignal reduzieren lässt. Folglich muss eine Planwirtschaft, die über die Warenform hinausgehen will, auch alternative Wege entwickeln, um Wissen über qualitative, innere menschliche Prozesse – etwa Emotionen, Bedürfnisse oder Motivationen – einzubeziehen.

Um diese Innenperspektive zu gewinnen, schlägt er Prozesse der Selbstorganisation und eine ‚Bottom-Up‘-Organisationsstruktur innerhalb wirtschaftlicher Einheiten wie Gewerkschaften oder Genossenschaften vor. Durch die Etablierung solcher Verfahren kann verstreutes qualitatives Wissen in die Wirtschaftsplanung einfließen und den Einzelnen so echte Handlungsmacht verleihen.

Der Weg in die Zukunft

Durand zeigt überzeugend auf, dass der sogenannte ‚grüne Kapitalismus‘ von Grund auf außerstande ist, der ökologischen Krise angemessen zu begegnen. Angesichts des sich beschleunigenden Klimawandels gewinnt jedoch die Frage nach tragfähigen Alternativen zunehmend an Dringlichkeit. Durands Kritik an den erkenntnistheoretischen Grundlagen des ‚grünen Kapitalismus‘ und sein erster Versuch, ein Wissenssystem für eine grüne Planwirtschaft zu skizzieren, sollte daher nicht als fertige Lösung, sondern als Ausgangspunkt für ein umfassenderes theoretisches und praktisches Vorhaben verstanden werden.

Quelle

Durand, C. (2026). The problem of knowledge in the Anthropocene. Globalizations, 1–20. https://doi.org/10.1080/14747731.2025.2601919

Fußnote

1 Im März 2026 erschien zudem im Dietz Verlag die deutsche Übersetzung von Cédric Durands und Razmig Keucheyans „Das Prinzip Verzweigung – Über ökologische Planung in Wirtschaft und Gesellschaft“.

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