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Ich bringe hier nochmal einen Auszug aus einem lesenswerten Artikel der „Blätter für deutsche und internationale Politik“, in dem Ronald Blaschke die Diskussionen um Digitalisierung und Grundeinkommen zusammenführt, ohne die Gefahr der neoliberalen Verkürzung letzterer unter den Tisch fallen zu lassen. Die Textpassage verdeutlicht, auch wenn es nicht explizit um Open Source und Freie Software geht, die transformatorische „Sprengkraft“, wenn Grundeinkommensideen mit nicht-Privateigentums-basierten Kooperationspraxen in Zusammenhang gebracht werden. Letztere spielen auf einem bestimmten, für den digitalen Kapitalismus nicht unwichtigen Produktionssektor, der Softwareproduktion, also bei der Produktion digitialer Produktionsmittel, eine nicht unwesentliche Rolle. Obwohl Blaschkes „Utopie mit Sprengkraft“ ausdrücklich und systematisch über reine Verteilungsfragen hinaus zielt, kann ich sie daher dennoch als Realutopie lesen.

Die veröffentlichte Textpassage habe ich aus Gründen der Lesbarkeit insofern überarbeitet, dass ich die Textpassagen der ursprünglichen Fußnoten in den Text eingearbeitet habe und nur noch die reinen Literaturverweise in Fußnoten setze.

Den Vertreterinnen und Vertretern einer universell verstandenen Ökonomie des Gemeinsamen zufolge fördert die Digitalisierung eine grundsätzlich andere Form der Produktion und Distribution auf Grundlage gemeinsamer Güter. Produktion und Distribution sollen demokratisch, solidarisch und ökologisch-nachhaltig organisiert und infrastrukturell und sozial abgesichert werden, beispielsweise mit einem Grundeinkommen, einer Bürgerversicherung, mit öffentlicher und frei zugänglicher „technischer“ und sozialer Infrastruktur und solidarisch selbst organisierten Kooperationen. Als Vertreter gelten etwa André Gorz, Michael Hardt, Antonio Negri und Yanis Varoufakis. In der Linkspartei wird dieser Ansatz von Katja Kipping, Julia Schramm, Anke Domscheit-Berg, Petra Sitte und Martin Delius vertreten.1

Die Protagonisten dieser Diskussionsrichtung stellen das Privateigentum an gemeinsamen Gütern infrage, ebenso das viele Menschen ausschließende „Sozialeigentum“ in Form traditioneller Sozialversicherungssysteme. Stattdessen vertreten sie die Auffassung, dass – neben den natürlichen Ressourcen – das geschichtlich gewordene und gegenwärtig kollaborativ erarbeitete Wissen, inklusive seiner vergegenständlichten Form als materielle Produktionsmittel, gemeinschaftliche Güter sind. Auch digitale Güter, also die immaterielle Grundlage der zunehmend digitalisierten Produktion, basieren auf dem geschichtlichen Wissen und werden kollaborativ bzw. wie materielle Güter unter Nutzung öffentlicher Mittel entwickelt und produziert. Sie werden daher ebenfalls als gemeinschaftliche Güter verstanden. Zugleich liegt dieser Diskussion ein weiter Arbeits- und Ökonomiebegriff zugrunde, der unbezahlte Sorgearbeit, politisches und bürgerschaftliches Engagement, soziales Engagement sowie Bildung einbezieht. Eine zunehmend kollaborativ und kooperativ organisierte Produktion verunmöglicht jedoch, den Leistungs- bzw. Lohnanteil des Einzelnen an einem Produkt zu ermitteln – erst recht, wenn ein weiter Arbeits- und Ökonomiebegriff unterstellt wird.

Daraus resultieren zwei antikapitalistische Forderungen: erstens die nach einer universellen, demokratisch organisierten Verteilung, zumindest eines Teils des Gemeinsamen in Form von Grundeinkommen – neben bedingten Einkommensverteilungen über Erwerbsarbeit und entsprechend individuellem Gesundheits- und Behinderungsstatus (Sonderbedarfe) -, eines universellen Sozialversicherungssystems und frei zugänglichen Gütern, Infrastruktur und Dienstleistungen; zweitens die Forderung nach einer öffentlich geförderten, solidarisch und demokratisch organisierten Produktion unter Ausschluss von Arbeitszwang in allen öffentlichen und privaten Arbeits- und Ökonomiebereichen. Diese beiden Forderungen sind inhaltlich verbunden mit Forderungen nach mehr Zeitsouveränität und der Umverteilung von Erwerbsarbeit, auch der geschlechtergerechten Umverteilung unbezahlter Sorgearbeit.

Zum Ansatz des universellen Eigentums (Allmende, Commons) gehört also die Konzeption der universellen, demokratisch organisierten Produktion und ebensolchen Distribution. Dabei wird eine Bandbreite an Formen und Mischformen der demokratischen Organisation des Ökonomischen möglich – vom demokratisch regulierten Markt bis zur selbst organisierten freien Kooperation ohne jegliche Tauschformen.2 Damit wird eine transformatorische Perspektive eröffnet, die die mögliche technologische Entwicklung in Beziehung zu einer politisch-ökonomischen Alternative setzt: Die produktiven und sozialen Fähigkeiten der Individuen und Kooperationen sollen sich frei entwickeln können, anstatt von der kapitalistisch privatisierten Produktion behindert zu werden.3

Der gesamte Text: „Utopie mit Sprengkraft. Das bedingungslose Grundeinkommen im digitalen Kapitalismus“

  1. vgl. #digitallinks. 10 Punkte für eine digitale Agenda der LINKEN, 2017 []
  2. Vgl. etwa André Gorz, Arbeit zwischen Misere und Utopie, a.a.O., S. 141 ff.; Erik Olin Wright, Reale Utopien. Wege aus dem Kapitalismus, Berlin 2017, S. 186 ff. []
  3. Vgl. André Gorz, Arbeit zwischen Misere und Utopie, a.a.O., S. 127 ff., 144 ff.; ders., Auswege aus dem Kapitalismus. Beiträge zur politischen Ökologie, Zürich 2009, S. 7 ff.; Michael Hardt und Antonio Negri, Common Wealth. Das Ende des Eigentums, Frankfurt a. M. und New York 2010, S. 157, 313 ff.; Paul Mason, Postkapitalismus. Grundrisse einer kommenden Ökonomie, Berlin 2016, S. 362 ff.; Wright, Reale Utopien, a.a.O, S. 93 ff. []

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